Die neue Welt der Arbeit

Am Strand arbeiten? Überall erreichbar? Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt dramatisch. Ein Report zum Status quo der Erwerbstätigkeit.

New Work

Auch viele Arbeitnehmer können sich ihren Arbeitsplatz mittlerweile selbst aussuchen. Foto: Patrick Strattner

Matthias Riegel war sich sicher, seine Arbeitskollegen gut zu kennen – bis er mit ihnen über ihr Gehalt sprach. Notwendig waren die Gespräche, als ihr Arbeitgeber, die Agentur Wigwam aus Berlin, das Wunschgehalt einführte. Jeder Mitarbeiter – von der Putzfrau bis zur Chefetage – sollte sein Gehalt selbst festlegen. Riegel sagt: „Die krasseste Erkenntnis für mich persönlich als relativ selbstbewussten Menschen war, dass es im Team Menschen gab, die es sich ‚nicht wert‘ waren, aus sich heraus und aus ihrer Stärke ein entsprechendes Gehalt zu wünschen. Das hat mich erschreckt.“ Noch größer sei aber die Veränderung gewesen, als die Agentur sich zur Genossenschaft wandelte, in der sich alle Mitarbeiter als eigene Chefs verstehen können.

Die Berliner Agentur ist eines der radikalsten  Beispiele für neue Bezahl- und Arbeitsmodelle in deutschen Unternehmen. Doch auch in unzähligen anderen Firmen weltweit kommen Modelle für „Neue Arbeit“ – New Work – zum Einsatz. Den Begriff selbst prägt der Philosophieprofessor Frithjof Bergmann bereits in den 1980er-Jahren. Unter den Eindrücken einer Reise durch den damaligen Ostblock mit seinen mäßig erfolgreichen Systemen und mit dem eigenen kritischen Blick auf den Kapitalismus sucht er nach einem neuen Modell. Aus seiner Sicht spricht die fortschreitende Automatisierung dafür, dass Unternehmen sich von den typischen hierarchischen Strukturen der Industriegesellschaft lösen. So propagiert er „smart consumption“, eine Art der Erwerbsarbeit, die sich am tatsächlichen Bedarf ausrichtet. Sie sei gegenüber der Lohnarbeit, die er als „Knechtschaft“ bezeichnet, zu bevorzugen. Bergmann legt nahe, sich mit dem eigenen Lebensrhythmus zu beschäftigen und ihn als Gerüst für die Rolle der Arbeit darin zu begreifen.

„Gig Economy“ kann gesundheitliche Folgen haben

New Work ist also auch eine neue Art zu leben, mit der freien Entscheidung, wann, wo und wie gearbeitet wird. In Zeiten von Industrie 4.0 und umfassender Digitalisierung von Prozessen, formiert sich hier ein neuer starker Trend. Selbst große Unternehmen folgen dieser aufgelockerten Haltung zu Arbeitsort und -zeit, um Fachkräfte für bestimmte Bereiche zu gewinnen oder zu binden. In Start-ups gehört dieser Lifestyle oft zur Firmenkultur. Sie setzen auf das projektbezogene Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen. Die Arbeitnehmer vertrauen auf ihre individuellen Stärken. Die frühere, oft „lebenslange“ Bindung, an den einen Arbeitgeber strebt kaum mehr einer an.

Ob Fahrer beim Fahrdienst Uber, freiberufliche Informatiker, Karrierecoaches oder Texter – immer mehr Erwerbstätige arbeiten selbstständig von Auftrag zu Auftrag. Der nächste Job hängt wesentlich davon ab, wie gut der vorherige erfüllt worden ist. Diese als „Gig Economy“ bezeichnete Wirtschaftsform kann Folgen für die Gesundheit der Betroffenen haben. So zeigt eine Studie der Technischen Universität Dortmund, dass Freiberufler mehr vom Burn-out-Syndrom betroffen sind als Festangestellte. Demnach führen vor allem die mangelnde Trennung von Privatleben und Arbeit zu dauerhafter Erschöpfung, Ängsten und Regenerationsunfähigkeit. Doch auch viele fest angestellte Arbeitnehmer sind in einer ähnlichen Situation – denn immer mehr von ihnen arbeiten zunehmend eigenverantwortlich und entscheiden relativ frei darüber, wann, wo und wie sie arbeiten. Sie sind jedoch oft noch Mitglied eines Teams, das Stress abfedern kann, in dem aber auch durch gegenseitige Abhängigkeiten Druck entstehen kann. Co-Working in internationaler Dimension ist in vielen Unternehmen längst Standard und wird oft über Firmengrenzen hinweg gelebt.

Arbeit und Gesundheit zusammen sehen

Die US-amerikanische Bundesbehörde National Institute for Occupational Safety and Health (NIOSH) stellt fest, dass viele flexible Erwerbstätigkeiten mit einem schlechteren Gesundheitszustand, oft mental bedingt, einhergehen. „Wir wissen, dass Arbeit großen Einfluss auf unsere Gesundheit und unser Wohl­befinden hat“, erklärt NIOSH-­Experte Casey Chosewood. Es müsse mehr unternommen werden, um Gesundheitsrisiken der Arbeitswelt zu untersuchen und die Zusammenhänge zwischen Arbeit und Gesundheit besser zu verstehen. Faktor im Wirtschaftssystem Industrielle Produktion verlagert sich weiterhin rund um den Globus – inzwischen selbst aus China in Länder mit noch geringeren Lohnkosten. Doch zunehmend gibt es ähnliche Entwicklungen auch auf dem Dienstleistungssektor, wo es oft um digitale Prozesse geht.

Ob „Always on“ als Freiheit oder Belastung empfunden wird, ist oft Einstellungssache. Foto: Patrick Strattner

Ob „Always on“ als Freiheit oder Belastung empfunden wird, ist oft Einstellungssache. Foto: Patrick Strattner

Beispiel Indien: Dort hat sich ein riesiger Markt für IT-Experten entwickelt. Eine etwas pessimistische Perspektive für Industrieländer wie die USA nimmt die aktuelle Studie der Unternehmensberatung Bain an: Ihr zufolge könnte die Automatisierung bis Ende der 2020er-Jahre 20 bis 25 Prozent der heutigen Arbeitsplätze eliminieren. Treffen würde dies vor allem Menschen mit geringen oder mittleren Löhnen. Aber selbst in der Medizin sind moderne Diagnosemöglichkeiten, wie etwa das automatische Erkennen von Hautkrebs, auf dem Vormarsch. Während Ärzte damit die Möglichkeit haben, die gewonnene Zeit in den Dialog mit Patienten zu investieren, beobachtet das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), dass digitale Technologien die Bedeutung von Standortfaktoren stark verändern können. So stark, dass manche in Entwicklungsländern ausgeführten Produktionsschritte wieder in Industriestaaten zurückverlagert werden könnten. „Ein Technologiesprung kann aber auch den Wissensvorsprung etablierter Unternehmen an einem bestimmten Standort zunichtemachen“, sagt Oliver Stettes, Leiter des Kompetenzfelds Arbeitsmarkt und Arbeitswelt beim IW.

Globale Standards für die Sicherheit

Strittig ist, ob sich mit der weltweiten Arbeitsteilung auch die Sicherheitsstandards vereinheitlichen.  Stettes meint, sie würden aus den Industriestaaten samt dem technologischen Know-how mitexportiert. „Das ist nicht garantiert“, sagt hingegen Thieß Petersen, Senior Advisor der Bertelsmann Stiftung. Abstriche bei der Sicherheit – sei es beim Brandschutz, der Arbeitssicherheit oder beim Umweltschutz – bedeuteten Kosteneinsparungen und damit einen vermeintlichen Wettbewerbsvorteil. „Wenn es in dem betreffenden Land keine effizienten Kontrollbehörden gibt oder sogar keine Sicherheitsstandards, werden die in entwickelten Ländern geltenden Standards nicht eingehalten“, so Petersen.

New Work und Management

Das britische Institute for Employment Studies (Institut für Beschäftigungsstudien) kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass es bei der anstehenden Neuaufstellung von Unternehmen wichtig sei, Lernkulturen zu fördern, Wissensaustausch innerhalb der Firmen zu unterstützen und flachere Hierarchien einzuführen. Künstliche Intelligenz könne Entscheidungen verbessern. Firmen müssten nicht mehr auf das Gefühl ihrer Führungskräfte vertrauen, sondern könnten Daten für ein faktenbasiertes Management verwenden.

Mobiltelefone vereinen Business und Freizeit. Foto: Patrick Strattner

Mobiltelefone vereinen Business und Freizeit. Foto: Patrick Strattner

Für Wolfgang Fassnacht, Senior Vice President für Personalwesen beim Softwarehersteller SAP, ist New Work keine Frage des Geldes. „Moderne Arbeitsformen benötigen keine Millionen-Investitionen“, sagt er. SAP hat einen Projekt-Marktplatz eingerichtet und damit begonnen, die Mitarbeiter auswählen zu lassen, an welchen Projekten sie arbeiten möchten. Die Softwarefirma setzt seit einigen Jahren auf einen neuen Führungsstil. Vorgesetzte sollen ihren Mitarbeitern Vertrauen schenken und nur Ergebnisse kontrollieren, nicht die Zwischenschritte. Mitarbeiter sollen durch einen coachenden Führungsstil und durch gezielte Fragen nach Lösungen geführt werden. „Durch unseren neuen Führungsstil hat sich die Bewertung der Vorgesetzten durch die Mitarbeiter deutlich verbessert“, erklärt Fassnacht. New Work lohne sich für das Unternehmen. „Wir führen neue Arbeitsweisen nicht als Sozial-Klimbim ein, sondern weil auch das Unternehmen davon profitiert“, sagt der Manager.

Kritik vom Erfinder

Frithjof Bergmann, Begründer der New-Work-Bewegung, sieht den Umgang der Wirtschaft mit neuen Arbeitsformen kritisch: „Viele Unternehmen nutzen New Work als Lohnarbeit im Minirock.“ Die Firmen wollten die Arbeit zwar als sexy verkaufen, sie aber nicht wirklich verändern – wie es Bergmanns New-Work-Konzept vorsieht. Arbeit, welche die Arbeitnehmer über lange Zeit langweile und erschöpfe, führe zu Burn-outs. Am Ende schade dies auch den Unternehmen. Viele Bürger befürchteten heute, dass ihre Arbeitsplätze in der Zukunft wegautomatisiert würden. „New Work gibt den Menschen Hoffnung“, sagt Bergmann. Der Philosoph wirbt dafür, dass Arbeitgeber ihren Mitarbeitern einen Teil der Arbeitszeit freigeben, damit die Mitarbeiter für sich selbst eine Sache herausfinden: „Was sie wirklich, wirklich machen wollen.“

Sechs Wegbereiter von New Work

Je leistungsfähiger das mobile Internet wird, umso größer werden die Möglichkeiten für New Work. Hinter dem  Mix aus Technik und Philosophie stecken Ideen, die bereits Jahrzehnte alt sind.

E-Mail: Ray Tomlinson versendete 1971 elektronische Nachrichten und verwendete dazu das @-Zeichen. Anfangs belächelt, ist es heute eine wichtige Kommunikationsart. Foto: Miguel Riopa/Getty Images Scrum: Jeffrey Victor Sutherland formulierte das „Scrum-Framework“ mit den Rollen und Prozessabfolgen, die heute als Basis für das agile Arbeiten gelten. Foto: Anders Wegge Keller/CC BY-SA 3.0 Internet: Tim Berners-Lee erfand HTML und konstruierte den ersten Webserver. 1991 baute er die erste Website auf und gilt als Vater des Internets. Foto: Laura Cavanaugh/Getty Images New Work: Frithjof Bergmann gilt als Begründer der New-Work-Bewegung. Er entwickelte in den 1980er-Jahren ein Gegenmodell zur herkömmlichen Lohnarbeit. Foto: dpa Picture-Alliance / Prohaska Rene Kanban: Taiichi Ohno führte 1947 bei Toyota das Kanban-System ein. Es verteilt Verantwortung und Steuerungsaufgaben auf mehr Mitarbeiter und steigert so die Motivation. Foto: Public Domain Smartphone: Frank J. Canova arbeitete bei IBM an einem Gerät namens „Simon“. Es war das erste Mobiltelefon, mit dem sich E-Mails verschicken ließen. Foto: Public Domain/CC BY-SA 4.0
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